Warum spricht niemand über (fehlendes) Vertrauen?

Keine Diskussion mehr über analog und digital, sondern über Stories, über neue Wege und um die Möglichkeiten für den Nachwuchs.

Ungefähr so würde Christian Jakubetz seine letzten Eindrücke über die deutsche Journalistenlandschaft im Kontext Print zusammenfassen. Er nennt Gründe, warum keiner der angehenden Journalisten in den Journalismus möchte. Auf der Seite des Publikums haben wir schon vor Jahren diese Unlust auf die klassischen journalistischen Angebote bemerkt: Die Digitalisierung ist schuld, neuerdings das böse Google (News) und ab und zu die öffentlich Rechtlichen mit ihren presseähnlichen Angeboten (tagesschau App).

Kompensiert wurde das neben lächerlichen Gerichtsprozessen und Hasstiraden gegen neue Player im digitalen Kontext auch mit Fälschen von Umfragen gegenüber der Werbebranche: Ich möchte nur die Radio Media Analyse nennen, die vor ein paar Jahren die Grundgesamtheit der Befragung erweitert hat – von ich glaube anfangs Hörer ab 14 Jahren auf nun 10 Jahre aufwärts.

Ursache – Wirkung?

Hat sich jemand der Medienmacher irgendwann einmal die Frage nach der Glaubwürdigkeit des eigenen Angebots gestellt? Was wir als Journalisten oft bemängeln sind viel zu dünne Lokalredaktionen, zu viel Content von Pressezuliefern (z.B. DPA) oder PR-Instanzen und schlicht unglaubwürdige Interviews / Talkshows mit Scheinexperten (ARD). Das ist ebenfalls seit Jahren so. Und das fällt niemandem aus dem Publikum auf?

Ob Arzt, Immobilienmarkler oder eben journalistische Angebote: die meisten merken, dass da etwas nicht ganz stimmen kann oder eben fehlt. Dem Publikum ist ganz grundlegend bewusst, welche Zeitung welche politische Ausrichtung hat – warum wird dieser pseudo-objektive Formalismus nicht endlich aufgegeben? Dann liegen die meisten Zeitungen, Magazine, Radios und Fernsehsender in den Händen weniger Verlegerfamilien. Die dargestellten Infos sind oft sehr einseitig und politisch motiviert (BILD, AZ, PNP etc.). Die letzten großen Ereignisse der glaubwürdigen Berichterstattung: Wulff, Kachelmann und nun die Russlandberichterstattung.

Hier wurde viel über russische Funktionäre berichtet, die angeblich die Seiten der deutschen Medien mit einem Shitstorm überhäufen und an der Glaubwürdigkeit der einseitigen Berichterstattung politisch motiviert Anstoß nehmen:

“In Moskau, wo ich bei einer von Putins Jugendorganisationen zu Besuch war, da sah ich 50 Computer und Leute die dahinter saßen und Kommentare schrieben. Man hat mich sofort rausgejagt.” Boris Reischuster bei Detektor.fm

Neuerdings auch die Fußball-WM. Ohne Frage tolles Ereignis. Doch auch hier seit Jahren immer das selbe: es wird in dieser Zeit sehr wenig über wirklich wichtige politische oder nationale Vorgänge und Entscheidungen berichtet. Denn natürlich sitzen ja alle vor der Glotze oder im Stadion und da darf ja keine Information stören – das hat vermutlich eine Media Analyse Agentur herausgefunden.

Ist das die Mehrheit?

Egal, wo nun die Wahrheit z.B. in der Russlandberichterstattung und den Shitstorms versteckt liegt oder die deutschlandweite Nachfrage nach gut recherchierten Informationen liegt – was wäre, wenn die schrumpfende Anzahl an Lesern, Hörern und Zuschauern auf der einen Seite und heranwachsenden Machern auf der anderen Seite, die nichts mehr mit diesem Metier zu tun haben wollen, vor allem mit Vertrauen in die jeweiligen klassischen Medienangebote zu tun hätte? Was, wenn in Fernsehen, Zeitung und Radio immer mehr ein Teil der Gesellschaft bedient würde, der zur Minderheit zählt, aber als die Mehrheit gehandelt wird?

Was wenn die paar wenigen direkten Informationen von Freunden auf Facebook, von Bloggern oder eben anderen nicht-klassischen Medien, die ernst genommen werden können, mehr Glaubwürdigkeit beinhalten als jeder veröffentlichte Artikel eines (großen) Medienhauses?

Dann wäre es nur noch eine Frage der Zeit bis die Werbewirtschaft über den offiziellen Verlust des Status Quo von Medienhäusern entscheidet.

Benjamin Hartwich

Benjamin Hartwich, M.A. Medien- und Kommunikationswissenschaften. Privat betreut er mehrere Webprojekte, bloggt und podcastet. In seiner Freizeit gestaltet er seinen eigenen Webradiosender. Mit 14 Jahren hat er ein Schulradio in Augsburg aufgebaut. Neben dem Studium arbeitete er 6 Jahre beim Campusradio Campus Crew als Moderator, Technikleiter, Musikchef und Programmchef mit.

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