Benjamin Hartwich

Breitbandausbau, bau, blau, blub

Willkommen im langsamen, deutschen Internet – aber warten Sie, jetzt wird´s ja bald richtig schnell. Das meint zumindest Mutti, denn bis 2018 sollen überall 50 Mbit/s verfügbar sein. Sportliche Ansage schaut man sich die Situation in Passau an: Vodafone komplett überlastet, alle anderen Anbieter bringen maximal 16 Mbit/s rein und davon im Idealfall 12 Mbit/s. Ausnahme ist hier das lokale Unternehmen Telepark, aber das ist nur in wenigen Bereichen der Stadt verfügbar.

Nach meinem Umzug nach Passau (relativ zentral) habe ich mich bereits auf das neue, supergeile Internet von Vodafone gefreut: 200 Mbit/s mit Kabel und laut Anschlusscheck in meiner Wohnung kein Problem. Gesagt, getan und der Techniker stand eines Vormittags da und meinte, dass hier kein Anschluss möglich sei, da die Kabelleitungen in meiner Wohnung komplett veraltet wären, womit z.B. DVB-T Signale die Verbindung stören könnten, weil die Kabel nicht ordentlich abgeschirmt seien. Man müsse also ein neues Kabel vom Keller in meine Wohnung ziehen, was ca. 5.000€ kostet und niemand bezahlen würde. Und laut seiner Auskunft gab es in dem Haus schon mehrere Stornierungen wegen des gleichen Problems. Auf die Idee, das beim Anschlusscheck von Vodafone in die Seite einzupflegen, dass eben kein Anschluss möglich ist, ist scheinbar noch niemand gekommen.
Und ob meine Leitungen in der Wohnung überhaupt erneuert werden, wird irgendwann auf irgendeiner Eigentümerversammlung entschieden – ob ältere Leute, denen die Wohnungen größtenteils gehören, sich für ein schnelleres Internet interessieren, wage ich zu bezweifeln. Aber ein Hoch darauf, dass wir digitales Fernsehen haben – supergeil (nur ohne Internet)!

Apropos Vodafone: laut einem Kollegen wäre das sowieso suboptimal gewesen, da Vodafone im Bereich Passau massive Engpässe am Abend hat. Da kämen dann vielleicht maximal 2 Mbit/s durch, manchmal sogar unter 1 Mbit/s.
Letztlich bin ich bei 1&1 gelandet, da der Upstream besser geregelt war als bei anderen Anbietern und das Verkaufsargument beim Bestellen: in spätestens 8-12 Wochen wird auf jeden Fall mehr verfügbar sein, da gerade ausgebaut wird. Ein Blick auf die Ausbaukarte der Telekom, die für fast jeden anderen Anbieter bei VDSL zum Thema Ausbau gilt, verrät: nichts! Keine Zeitpläne nur eine Karte mit bunter Farbe und dem weißen Fleck auf meiner Adresse.

Nachgefragt! 1&1 meint, sie wissen auch auf einmal nichts mehr genaues und sie könnten sich auch nur an die Pläne der Telekom halten, aber ich könne ja mal mit der Stadt sprechen, weil die müsse das letztlich durch Förderungen etc. antriggern. OK, dann auf zur Stadt. Die einzelnen PDFs zu Förderungen und Markterschließung verraten nichts aufschlussreiches. Zumindest wurde im PDF zur Markterschließung auf die Straßennamen verzichtet, was Kaffeesatzlesen gleich kommt. Ich schrieb an den Zuständigen für den Breitbandausbau und bekam promt und kompetent Antwort:

Ihre Straße ist nach den uns vorliegenden Informationen sowohl von der Telekom als auch von Vodafone (ehem. Kabel Deutschland) mit mind. 30 Mbit/s im Download erschlossen bzw. wird dies bis ca. Ende 2019 sein.

Moment, 2019? Wenn das Mutti hört… und wie sieht das jetzt eigentlich mit den Förderungen aus:

Die Informationen, die Sie auf der Homepage der Stadt Passau vorfinden, beziehen sich nur auf den *GEFÖRDERTEN* Breitbandausbau. Eine Förderung mit staatlichen Zuschüssen ist aber nur dort möglich, wo sich kein Anbieter findet, der eine Bandbreite von mind. 30 Mbit/s durch eigenwirtschaftlichen Ausbau zur Verfügung stellt.

Aha, sobald ein Anbieter sagt, er baut aus, besteht kein Zeitdruck mehr, weil geht ja schon – irgendwie. Aber hat die Stadt hier keinerlei Druckmittel?

Es ist aus meiner Erfahrung durchaus kein Einzelfall, dass die im Rahmen der Markterkundung von Telekom und Vodafone gemachten Bandbreitenaussagen derzeit noch nicht eingehalten werden. Allerdings hat die Stadt Passau keinen gesicherten und robusten Einfluss auf die eigenwirtschaftlichen Ausbaupläne der verschiedenen Anbieter. Der einzige Einfluss, den wir ausüben können, betrifft die Auswahl von Teilgebieten, die für einen geförderten Ausbau in Frage kommen. Dazu können jedoch Gebiete, die lt. Auskunft der Anbieter bereits ausgebaut sind (oder dies in den nächsten drei Jahren sein werden) nicht gehören.

Fassen wir zusammen: Kabelanschluss ist da, aber geht halt nicht bis in die Wohnung wegen zu alter Kabel. Alle wollen Kabel Internet und keiner kann mehr surfen weil überlastet (Ausbau irgendwann nächstes Jahr), 1&1 zeigt auf die Telekom, die Telekom auf die Stadt und die Stadt weiß eigentlich von nichts, weil Telekom & Co ja bereits versichern, sie fangen dann mal mit Ausbau an.

“Schatz, machst du schonmal Netflix an” – “Hab ich schon, aber der buffert noch.” Vielleicht fördert das ja in Zukunft mehr zwischenmenschliche Aktivitäten am Abend?

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