Liebe Grüße an die PaWo

Ich liebe das Kleinstadt-Flair von Passau und ich mag das Leben hier. Allerdings steht das manchmal im Gegensatz zu meinem Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaften – zumindest, wenn ich die Medienlandschaft hier betrachte: Nicht ausgereift, stümperhaft und nicht selten jenseits von professioneller Ethik und manchmal auch im sehr dunklen Graubereich des Legalen. Aktuelles Beispiel dafür liefert das Passauer Wochenblatt.

Vor ein paar Tagen hatten sie ein Bild von einem Ladendieb (Bekanntmachung der Polizei) auf Facebook gepostet und zur Mithilfe bei der Suche nach dem Täter durch Drücken des Teilen-Buttons aufgerufen. Aufgrund der T-Shirt Aufschrift des Täters waren unter dem Posting zahlreiche Kommentare wie “Die dumme Nazisau” zu lesen. Und natürlich wurde das Bild zahlreich geteilt. Da ich das für das unterste Niveau der Berichterstattung und zum Teil für Volksverhetzung (öffentliches an den Pranger stellen wegen eines geklauten MP3-Players => Rechtfertigungsgrund?) halte, habe ich mein Recht als Facebook-Mitglied wahrgenommen und diesen Beitrag gemeldet. Innerhalb von wenigen Stunden erhielt ich dann die Bestätigung von Facebook, dass der Beitrag gelöscht worden sei.

pawo-fb

Die schnelle Reaktion hat mich selbst überrascht, allerdings wesentlich mehr die Reaktion des Wochenblatts. Der Redakteur, der das Foto auf der Fanseite des Wochenblatts gepostet hatte, wurde für 24h für die wesentlichen Funktionen bei Facebook gesperrt. Das war für ihn dann Anlass, einen langen Artikel über das böse soziale Netzwerk und die Unverständlichkeit der Reaktion zu schreiben. Dem aber immer noch nicht genug: Die PaWo hat das nun zu einem ihrer Leitartikel in der nächsten gedruckten Version erklärt.

Nun ich erkläre kurz, was Facebook scheinbar gegenüber dem gesperrten Redakteurs nicht genauer spezifiziert hat: Das Foto wurde wegen Verbreitung von Hassbotschaften gesperrt. Nur so ein paar Fragen als Tipp für die Redaktion des Passauer Wochenblatts:

  • Was hat das Posten von Bildern für einen Fahndungsaufruf mit Berichterstattung / Journalismus zu tun? 
  • Sind Hetzjagden und Vorverurteilungen von Menschen Bestandteil eurer Corporate Identity?
  • Warum meint ihr, ihr müsstet Kommentare wie “Du dumme Nazisau” nicht löschen / moderieren?
  • Wo ist eure Objektivität bei der Verwarnung von Facebook geblieben?
  • Könnt ihr noch zwischen ethisch wertvollen Beiträgen und ethisch-fragwürdigen Beiträgen unterscheiden?
  • Sind mit Hassbotschaften lediglich radikale Äußerung und Inhalte gemeint?

Interessant ist auch, dass die Polizei scheinbar nichts dagegen einzuwenden hat. Und nun zur vielgestellten Frage, warum das Bild und nicht andere und überhaupt gelöscht worden sind: Zufall, denn Facebook ist viel zu groß, um alles, was gemeldet wird, erfassen zu können. Das ging halt durch und ob das so schlimm war, darf jeder für sich beantworten.

Benjamin Hartwich

Benjamin Hartwich, M.A. Medien- und Kommunikationswissenschaften. Privat betreut er mehrere Webprojekte, bloggt und podcastet. In seiner Freizeit gestaltet er seinen eigenen Webradiosender. Mit 14 Jahren hat er ein Schulradio in Augsburg aufgebaut. Neben dem Studium arbeitete er 6 Jahre beim Campusradio Campus Crew als Moderator, Technikleiter, Musikchef und Programmchef mit.

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