Das Image ist verdudelt

Das Image ist verdudelt

Ich finde Radio spannend, denn ich bin selbst Bestandteil der Radioproduktion. Bisher zwar noch nicht im “professionellen” UKW-Bereich, aber bereits auf dem Weg dorthin. Seit drei Jahren bin ich aktiv beim Uniradio dabei und gestalte dort das Programm, ein Radioprogramm rein fürs Web. Unsere Hörer halten sich daher auch in Grenzen. Aber: Ich glaube inzwischen nicht mehr daran, dass unsere geringen Hörerzahlen nur an der fehlenden UKW-Frequenz oder an der Tatsache, dass wir noch keine Profis sind, liegen. Meine These: Unser Zuhörerproblem liegt an den Vertretern der Branche, an den Radioprogrammen, die die breite Masse kennt. Denn genau dieses Bild von Radio hat sich in die Köpfe der Leute gebrannt und ist für junge Menschen, unsere Zielgruppe, nicht mehr attraktiv, sondern eher abschreckend.

Ich werde nun versuchen diese These kurz mit ersten Indizien zu belegen. Weitere Beweise werde ich in weiteren Artikeln anführen.

Erstmals bin ich durch folgende Situation zu dieser Vermutung gekommen: In der Uniradioredaktion fand ein Sprechtraining-Seminar mit Studenten der Medien- und Kommunikationswissenschaft statt und ich war als technische Hilfe für die Aufnahmen da. Kurz vor Beginn habe ich mich mit einer Studentin über das Musikprogramm bei uns unterhalten. Dieses ist um es kurz und knapp zu sagen: Alternativ, d.h. keine Charts, sondern Indie, Elektro und Co – was eben Leute in unserem Alter so hören. Natürlich ist unsere Musikrotation, also die Playlisten, nicht perfekt – wir haben ja auch gar nicht die Mittel dazu. Nun, diese Studentin gab mir Feedback zum Programm und meinte sinngemäß: “Also der Vormittag ist toll und man kann es gut nebenher laufen lassen, aber am Nachmittag war es mir manchmal zu anstrengend, da ich doch aktiver hätte hinhören müssen mit den Texten der Lieder.” Als Radiomacher ist mir klar, dass Radio schon sehr lange ein Nebenbeimedium ist und doch ist das hier etwas anderes, denn wir spielen Musik, die man auch so am iPod hören würde – unterwegs. Doch sobald das Radio läuft, erwartet man scheinbar etwas anderes: Musik, die nicht auffällt.

Der Charakter des Radios heute: Das Beste der 90er, 2000er und das Beste von morgen oder übergestern. Diese Art Programm zu machen, dieser Charme – wenn man ihn überhaupt so nennen kann – wird nicht mehr Ernst genommen. Hier ein Beweis:

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Was würde das aber bedeuten, wenn meine These stimmt: Die Vertreter der Radiobranche (z.B. Antenne Bayern, aber auch der Bayerische Rundfunk sowie die Lokalradios) haben das Bild zu dem, was jeder unter Radio versteht, in den Köpfen der Hörer derart pervertiert, dass nur eine logische Konsequenz folgen kann, sobald sich die Demographieverschiebung mit der Übermacht an Bayern 1 Hörern natürlicherweise erledigt hat: Radio in seiner jetzigen Form muss sterben, denn es ist für meine Generation nicht mehr in einer (marktrelevanten) Weise attraktiv, zumindest nicht das Bild von Radio, das jeden Tag durch die UKW-Programme gezeichnet wird. Und USB-Schnittstellen im Auto gibt es genügend. Verkehrsdurchsagen? Siri. Lustige Menschen? Siri 2.0…

Fragt sich nur, mit was ich einmal mein Brot verdienen werde.

Benjamin Hartwich

Benjamin Hartwich, M.A. Medien- und Kommunikationswissenschaften. Privat betreut er mehrere Webprojekte, bloggt und podcastet. In seiner Freizeit gestaltet er seinen eigenen Webradiosender. Mit 14 Jahren hat er ein Schulradio in Augsburg aufgebaut. Neben dem Studium arbeitete er 6 Jahre beim Campusradio Campus Crew als Moderator, Technikleiter, Musikchef und Programmchef mit.

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