Organische Reichweite im Mediensektor?

Es ist nicht nett von Facebook: Wenn du eine Fanseite mit wenigen Fans hast, brauchst du entweder Spitzeninhalte oder Geld zur Bewerbung deiner Inhalte – so zumindest das Credo vieler Analysten. Ob dann die vielen Likes kommen, ist allerdings auch fraglich. In vielen Fällen ist das kaum tragbar, aber wenn ich an den Medienmacher in mir sowie an die Jobsituation da draußen denke, kann dieses neue Edge-Rank Prinzip Gold wert sein – auch für große Häuser. Wie?

Facebook versucht durch diese Neuordnung wieder mehr Gemeinschaft unter den Freunden und Bekannten zu schaffen. Die Unternehmen sollen dagegen erstmal außen vor bleiben: Back to the roots eben. Im Mediensektor wendet sich das Blatt: Weg von großen Medienhäusern hin zu lokalen Marken bzw. Menschen, mit denen ein Genre verbunden wird. Beispiele wären Richard Gutjahr, Daniel Fiene, Tim Pritlove u.s.w.

Ich sehe mich nicht als solche Größe und möchte mich auch gar nicht vergleichen, aber eine Sache ist mir bei meinen Medienprojekten aufgefallen: Wenn ich Artikel dazu über meine private Pinnwand statt über eine Fanpage teile, erreiche ich dreimal so viele Leute. Schließlich teile ich es mit meinen Freunden, Bekannten, Kollegen. Und genau hier liegt der Clou.

Warum nicht einfach die Fanpage löschen und alles über das persönliche Profil erledigen? Facebook bietet genug Optionen zur Profilgestaltung sowie Sortierung von Freundschaftsanfragen und Abonnements. Ich folge z.B. dem Entwickler von Fair Phone. Bisher habe ich keine Fanseite zu diesem Produkt entdeckt, aber jedes Mal, wenn er etwas als öffentlich markiert postet, erhalte ich eine Mitteilung und sehe es in meiner Übersicht. Für den Online-Journalismus kann ich mir nichts besseres vorstellen, denn hier zählt die intelligente Segmentierung der Inhalte oder kurz: die spezialisierte Kolumne eines Autors gewinnt. Warum also das Unternehmen hochheben, wo es doch nur die Plattform verschiedener Inhalte ist, wenn hingegen eine Autor-Leser Beziehung aufgebaut werden könnte?

Technisch wäre es kein Problem:

Einstellungen Abonnements in Facebook
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Benjamin Hartwich

Benjamin Hartwich, M.A. Medien- und Kommunikationswissenschaften. Privat betreut er mehrere Webprojekte, bloggt und podcastet. In seiner Freizeit gestaltet er seinen eigenen Webradiosender. Mit 14 Jahren hat er ein Schulradio in Augsburg aufgebaut. Neben dem Studium arbeitete er 6 Jahre beim Campusradio Campus Crew als Moderator, Technikleiter, Musikchef und Programmchef mit.

Dieser Beitrag hat 5 Kommentare

  1. Soso. Du willst also “die Menschen in den Vordergrund rücken´´. Also anstatt dass mir die Sport-Marke gefällt, soll ich die Updates der Sportler abonnieren? Statt die Staubsauger-Marke, lieber bei der Familienmanagerin mitlesen? Statt den Energy-Drink, lieber den Fallschirmspringer liken? Weil das natürlicher aussieht? Okay, verstanden. Klingt nach einer guten Idee.

    Okay, da ist was dran. Aber ganz so toll ist sie auch wieder nicht.

    Schau mal. Wir Verbraucher hassen Werbung. Zumindest mögen wir sie nicht. Und Facebook weiß das und lässt sich das Nerven seiner Nutzer durch deine Marke von dir bezahlen. Ich habe gestern erst bei Thomas Knüwer gelesen, dass einem Facebook-Nutzer durchschnittlich 40 Seiten gefallen. Und die veröffentlichen im Schnitt 36 mal im Monat einen neuen Beitrag. Das sind 1.440 Updates pro Monat, die auf meiner Timeline auftauchen könnten. Puh, was bin ich froh, dass ich den ganzen Blödsinn nicht sehen muss.

    Jetzt willst du über die Hintertür in meine Timeline. Ich soll das menschliche Gesicht deiner Marke, vielleicht sogar die Abteilungsleiterin Marketing persönlich, abonnieren. Ganz schön ausgefuchst. Wenn mich deine Marke echt gut gefällt, dann finde ich ein paar Posts mit Inhalt im Monat vielleicht ganz cool. Aber dann fangen andere Marken mit dem gleichen Schmu an. Und dann postet der Fußballspieler nur noch Fotos von seinen ach-so-tollen Fußballschuhen. Productplacement in persönlichen Beiträgen. Ja, du lachst, aber auf solche Ideen kommt manche Agentur bestimmt. Dann vertraue ich einfach mal darauf, dass Facebook sich öffentliche Posts genauso bezahlen lässt, damit ich als Verbraucher nicht mehr so genervt werde.

    Aber ja, ich gebe dir Recht. Persönlicher wäre das ganze. Sähe zumindest so aus. Aber ganz egal, wie subtil die Marke in den Beiträgen untergebracht wird, bleibt es nunmal Werbung. Weißt du, was ich als Verbraucher sehen will? Interessante Inhalte! Und da ist mir das herzlich egal, ob das von der Marke direkt oder vom Profil der Marketingchefin kommt.

    1. Danke für deine wertvolle Einschätzung und natürlich könnte der gleich Schmu – wie du es nennst – von neuem losgehen, aber im Artikel gehe ich zunächst nur einmal von journalistischen Produkten aus. Ob sich das auf Staubsaugervertreter übertragen lässt, wage ich zu bezweifeln.

      Und natürlich müssen gute Inhalte auf FB, unabhängig der Verbreitungstechnologie, aber das können sie ja nur noch bedingt, denn dafür musst du als Journalist z.B. ab sofort Geld zahlen – ganz davon abgesehen, dass diese Werbekiste bei FB auch zwei Seiten hat, wie in dem Video, das am Anfang verlinkt ist, zu sehen ist.

      Wie diese Methodik am Ende eingesetzt wird, sehe ich erstmal neutral, denn ich möchte nicht vom dümmst möglichen Nutzer ausgehen, sondern von dem, der entscheiden kann, was er abonniert und das auch wieder cancelt, wenn es ihm nicht mehr gefällt, ganz egal, wer dahinter steckt.

      Lange Rede, kurzer Sinn: Ich sehe in Abonnents eine bessere Chance, dass interessante Inhalte zu dir gelangen.

      1. Deinen Link auf dieses Video habe ich ganz übersehen. Das Video habe ich mir jetzt aber angeschaut. Das ist ja Jammern auf hohem Niveau.

        Ich sehe das so: Likes, das ist wie eine Währung. Eine hochgradig inflationäre Währung um genau zu sein. Jeden Tag werden Milliarden von Dingen geliked. Hatte ich vor Jahren nur ein oder zwei Seiten, die mir gefallen und um Plätze in meiner Timeline konkurriert haben, gefallen mir mittlerweile dutzende davon. War es vor Jahren für diese ein oder zwei Seiten mangels Konkurrenz einfach in meine Timeline zu kommen, ist das mittlerweile richtig schwierig geworden. Ein Like ist heute nichts mehr wert. Und 1.000 Likes sind fast nichts mehr wert. Und jetzt mal ehrlich: Wer wäre so blöd, in eine inflationäre Währung zu investieren?

        Also gut. Auf Nimmer-Wiedersehen Likes. Hallo Abonnements! Ein Abonnement ist heute tatsächlich einiges wert. Ich abonniere zum Beispiel ‎Neil deGrasse Tyson. Toller Typ. Kein Sportler, kein Musiker… nein, Astrophysiker! Er hat keine Fanpage, sondern ein Profil, das man folgen kann. Man kann ihm Fragen über das Universum stellen, die er beantwortet. 370.000 Menschen tun das. Ende März hat er seine Abonnementen mal gefragt, ob er sein Profil nicht in eine Fanpage umwandeln soll [1]. Die Kommentare dazu unterstützen deine These ganz gut [2]. Aber Neil deGrasse Tyson ist ein Astrophysiker. Er will uns nichts verkaufen. Außer seine Faszination zum Universum vielleicht.

        Das ist doch wurscht, ob du als Werbetreibender oder Journalist mir einen Link zu deinem Onlineshop oder einen Link zu deinem Zeitungsartikel unterjubeln willst. Du willst deinen Link in meiner Timeline. Als Werbetreibender oder Journalist hast du ein wirtschaftliches Interesse daran.

        Warum ist das wurscht? Weil Links kein Inhalt sind. Sie sind, wie der Name schon sagt, nur Verweise. Und Verweise sollten, wie der Name schon sagt, nur verweisen. Wenn deine Posts Inhalt bieten, können sie ja gerne auf zusätzliches verweisen (und dann klicke ich da bestimmt gerne mal drauf). Wenn deine Posts – ganz egal ob Abo oder nicht – keinen Inhalt liefern, was haben sie dann in meiner Timeline zu suchen. Du merkst schon, meine Timeline ist mir heilig.

        Lange Rede, kurzer Sinn: Machs wie du willst, aber bedenke, dass hinter deinen Posts Inhalte stecken und dann kommen die Inhalte schon zu mir. Egal ob Fanpage oder Abonnement.

        [1] https://www.facebook.com/neiltyson/posts/10203497073727029
        [2] https://www.facebook.com/neiltyson/posts/10203497363654277

        1. Der Inhalt kam ja zu dir ohne Like und Abonnement, also kann ich mich ja fast geehrt fühlen 😉

          Und natürlich braucht es mehr als nur einen Verweis, um von Inhalt zu sprechen. Manchmal ist man zu sehr das Twitterprinzip und die 140 Zeichen gewohnt.

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