9 Jahre Radio – Ein Rückblick

Ich zwischen 15 und 16 Jahre alt.
Ich zwischen 15 und 16 Jahre alt.

Flaum unter der Nase und ein altes Uher Mischpult unter dem Arm, das mit einer 9V-Batterie arbeitete – das war der Anfang meiner Radiolaufbahn, besser gesagt meiner Schulradiolaufbahn. Nun ist es 2013 und ich blicke auf 9 Jahre Radioerfahrungen zurück. Es wird Zeit für einen kleinen Rückblick – auf Höhepunkte, Tiefpunkte und Begegnungen.

Kannst du dich noch an Schulfeste erinnern? Das Schuljahr ist so gut wie zu Ende, es gibt fast nichts mehr zu tun außer ein bisschen Wandern gehen, Schulbücher einsammeln oder das Klassenzimmer säubern. Da trifft es sich gut, an einem Abend kurz vor Zeugnisvergabe ein kleines Fest zu feiern, bei dem jede Klasse einen Teil zu einem gemütlichen Abend beiträgt. Zusammen mit einem Schulfreund hatte ich mich in der Planung etwas vom Rest abgesetzt, denn wir verfolgten eigene Ziele: Ein Schulfestradio. Mit einem Windows 95-Laptop, einem kurzem – total schlecht ausgesteuerten – Comedysketch, Midi-Musik, mitgeschriebenen Nachrichten von Hitradio Rt1 und selbst gebastelten Mikroständern aus der Physik ging es in die Weiten des Schulhofs. Das Ergebnis war: Umgedrehte Lautsprecher auf der Bierbank.

Wenn ein Versuch schief geht, probiert man es eben nochmal. Im Folgejahr begann ich das Konzept für ein Schulradio aus der Taufe zu heben, das übers Internet an bestimmten Tagen On Air gehen sollte. Das Hauptaugenmerk lag in dem einen Jahr Vorarbeit auf dem How-To, also versendeten wir im Intranet der Schule Windowstöne, um sie in einem anderen Raum zu empfangen – sehr zum Leidwesen der AG Homepage, die bei Metal Klängen parallel Webseiten programmierte. Nach Klärung aller rechtlichen Verwirrungen – GEMA, GVL – ging es mit einer kleinen Gruppe an den Start (Bilder dazu findest du unter Meine Projekte).

Schulradio Livesendestudio
Schulradio Livesendestudio

Wir hatten allesamt genauso viel Ahnung von Radio, wie die Lehrer an unserer Schule – keine. Das hat uns natürlich nicht daran gehindert, regelmäßig On Air zu gehen, frei nach dem Motto: Learning by doing, was aus heutiger Sicht die beste Entscheidung war. Unser Setup: das Uher Mischpult, an dem zwei alte Sennheiser Mikros von meinem Opa hingen, der Mix ging dann in den Mikroeingang eines DJ-Mischpults mit 2 Stereokanälen und Crossfader. An diesen Kanälen waren 2 Windows 95 Laptops angeschlossen. Der Mix des DJ-Mischpults ging schließlich in den stärksten PC der Schule im Musikzimmer und der sendete dann alles in die Weiten des Netzes. Wegen eines Patzers bei der allerersten Sendung und dem generellen Desinteresse der Lehrer so etwas zu promoten und in die Klassen zu tragen, waren die Zuhörerzahlen in den Folgejahren bescheiden. Nicht, dass ich nicht Plakate, Infozettel und Flyer verteilt hätte oder probiert habe, eine Party zu organisieren, bei der Schulradio auflegt. Alles zwecklos. Dieses Projekt war der Schule auf unbestimmte Weise ein Dorn im Auge oder die Leute wussten einfach nichts damit anzufangen, denn war Webradio war 2005 noch Pionierarbeit.

Nichts desto trotz sind in dieser Zeit einmalige Erfahrungen entstanden: 5h Livesendung am letzten Schultag vor Weihnachten mit Lehrersprüchen und einfach das Gefühl zu haben, was bewegen zu können. Wir hatten als Schulradio übrigens die Auflage, dass 20% der Gesamtzeit einer Sendung nicht Musik sein durften. Bei 5h Sendung sind das bereits über 1h Text. Nach einem Jahr als eigenständiges Webradio ging es als Sendung auf einem anderen Webradio weiter: Fast jede Woche 1h vorproduzierte Sendung. Ein paar Monate vor meinem Abitur bin ich dann ausgestiegen, da die Leute nicht mehr so wirklich Lust auf Schulradio hatten und es sich auch etwas totgefahren hatte.

Kurz danach ergab sich für mich die Möglichkeit beim Lokalsender Radio Fantasy als Moderator auf der DAB-Schiene Fantasy Bayern einzusteigen und dort 3 mal wöchentlich zu moderieren. Es war ein herrliches Gefühl nach Schulradio, d.h. ohne wirkliche Vorkenntnisse, Ausbildung etc. bei einem richtigen Radiosender in einem Rundfunkstudio zu stehen und live senden zu können. Fast 5 Monate hatte ich Gelegenheit dazu, bevor der Studienbescheid aus Passau kam und ich mich dafür entschied, alles in Augsburg aufzugeben, um in Passau studieren zu können. Einen Zwischenstopp legte ich bei Patrick Lynen ein, bei dem ich einen Gastplatz in einem seiner Volontariatsseminare für Moderation erhielt. Mit vielen neuen Erfahrungen und dem Gefühl, nichts zu können, bewarb ich mich beim Passauer Sender Radio Galaxy, die zunächst von der Idee angetan waren, dass ich bei ihnen moderieren wollte. Doch aus einer Laune heraus wurde ich ohne Probesendung mit der Standardabsage-Mail abgefertigt. Indirekt erfuhr ich: Ich wäre ein komischer Kauz, mir fehle an Spieltrieb und Kenntnissen. Es ist immer gut, mit solchen Worten in einen neuen Lebensabschnitt zu starten.

Campus Crew Sendestudio
Campus Crew Sendestudio

Also entschied ich mich für das Uniradio, aber so wirklich super war das anfangs auch nicht: eine größerer Freundeskreis, der für sich entschieden hatte, alle zwei Wochen eine Sendung zu produzieren, ansonsten über einen kleinen PC Stundenmixe laufen ließ, die 0 Hörer interessierten. Nach meinen Erfahrungen fühlte ich mich ins Schulradiozeitalter zurückversetzt, also legte ich mir die nötigste Technik zum Livesenden an: Soundkarte, Mikro, Software. Eigentlich hatte ich vor, bei irgendeinem Webradio ab und zu zu senden. Doch bei der Uniradiocrew habe ich immer wieder versucht, den Zeitgeist für das Liveradio zu wecken. Nachdem die Uniradiocrew aus den nicht einmal eigenen Räumen der Uni wegen zu viel Müll – relativ betrachtet – rausgeflogen ist, war ich dann derjenige, der den Stream aufrecht erhalten konnte, denn ich hatte Sendetechnik. Bis auf Aufnahmegeräte den kleinen Sende-PC, der nur mit Winamp arbeitete, hatte das Uniradio keine eigene Technik. Dadurch kam es dann zum Antrag bei der Unileitung, eigene Technik zu beschaffen und die Räume wieder zu erhalten. Um die Technik kümmerte ich mich dann und es wurde die Idee von Liveradio mit einem eigenen Sendestudio umgesetzt.

Leider fehlte es mir etwas an Erfahrung im Audiotechnikbereich, wodurch immer wieder die Treiber der Soundkarte sowie der Controller abgestürzt sind. So kam es zu einem zweiten Förderantrag, der diese Fehler behob und schließlich ein Dritter sorgte für eine professionelle Redaktion samt Vernetzung und Studio B. Alles war auf meinem Mist gewachsen und umgesetzt. Dadurch kümmerte ich mich dann auch 3 Jahre um die Sendungsplanung, das On Air Design und die Musikrotation, da die “Alten” der Crew nicht mehr so recht wussten, wie sich damit identifizieren konnten. Im Nachhinein betrachtet war es aber eine gute Entscheidung, denn so gibt es nun wenigstens ein Uniradio in Passau, das eigenständig arbeiten und senden kann und weder Räume noch Technik teilen müsste.

Ich mit 23 Jahren
Ich mit 23 Jahren

Jetzt nach 9 Jahren Radio bin ich am Ende einer Ära angekommen – eine neue Generation an Uniradiomachern kommt und ich muss mich langsam fragen: Ist Radio wirklich auch beruflich etwas für mich? Das Praktikum beim BR hat mich eher enttäuscht und die Worte von Valerie Weber bei einem Vortrag an der Uni “fangen Sie bei einem Lokalsender an” hinterlassen auch eher Unmut, denn dort verdient man inzwischen einfach zu wenig. Aber das Geld steht bei mir nicht im Vordergrund, viel eher meine bisherigen Erlebnisse in der Radiobranche: Ich habe noch kein Unternehmen gefunden, von dem ich wirklich überzeugt bin und das meine Erwartungen erfüllen könnte, denn hier fehlt es MIR oft an Spieltrieb und Offenheit. Kurz gesagt: ich finde die klassische (UKW-) Radiobranche größtenteils langweilig. Das mag zwar hochnäsig klingen, aber nach 9 Jahren eigenständigen Erfahrungen, bei denen ich zumindest im Radiomachen nie gescheitert bin, hat man einen anderen Zugang zu diesem Medium und seinen Vertretern.

Was ich mir von einem Programmchef in dieser Branche wünschen würde? Dass er meine bisherige eigenständige Arbeit zu respektieren weiß.

Bis dahin mache ich mit meinem Podcast-Channel weiter und produziere ein Hörbuch. Stay Tuned!

Benjamin Hartwich

Benjamin Hartwich, M.A. Medien- und Kommunikationswissenschaften. Privat betreut er mehrere Webprojekte, bloggt und podcastet. In seiner Freizeit gestaltet er seinen eigenen Webradiosender. Mit 14 Jahren hat er ein Schulradio in Augsburg aufgebaut. Neben dem Studium arbeitete er 6 Jahre beim Campusradio Campus Crew als Moderator, Technikleiter, Musikchef und Programmchef mit.

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