Die ersten zwei Seiten

Meine Bachelorarbeit ist schon weit fortgeschritten, daher poste ich hier einfach mal meine Einleitung, bevor ich sie dann Anfang April unter Schlaues veröffentlichen werde. Freue mich auf Feedback und Lust auf mehr  😉

Zur kompletten Bachelorarbeit…

Also ich bin auch niemand, der diese so genannten Dudelfunksender jetzt tierisch verteufelt. Die sind total OK. Die sind deswegen so erfolgreich, weil die meisten Menschen sich darin wiederfinden […]. Wir sind halt nur nicht der Meinung, dass es von denen Dutzende braucht. (Marcus Engert von Detektor.fm)[1]

Radio ist unser täglicher Begleiter: Es agiert schnell, ist leicht zu empfangen und baut zu uns als Gast in unserem Wohnzimmer eine sehr persönliche Bindung auf. Gerade ältere Menschen verbinden mit dem Radio viele Jugendgefühle, da die gespielte Musik meist an Situationen aus ihrem eigenen Leben erinnert, gerade weil zu Beginn des Fernsehzeitalters die Musik der Jugend eben vorwiegend im Radio lief. Dieses Medium spricht also unsere Gefühle und Vorstellungskraft an – nicht ohne Grund gibt es unter Radiomachern den Leitsatz „Radio ist Kino im Kopf“. Auch ehemalige Radiogrößen wie Thomas Gottschalk und Günther Jauch oder die Radiotheorien von Adorno, Brecht u.a. haben diesem Medium einen historischen und kulturellen Stellenwert verliehen.

Trotz dieses Potenzials und dieser Geschichte hat der klassische Hörfunk in Deutschland heute ein zunehmend negatives Image, gerade bei Jüngeren: Dudelfunk, Einheitsbrei, weichgespült. Und doch werden die großen Mainstream-Stationen viel gehört. Von einer Medienkrise ist hier trotz Spotify und anderen Musikdiensten im Internet noch nichts zu spüren, was wohl in Deutschland mitunter an der Demographie liegt. Dabei ist aber gerade die Musik das entscheidende Auswahlkriterium bei der Wahl des Senders[2] – sofern das Hörerinteresse an Kultur und Information nicht im Vordergrund steht. Die meisten Sender werben mit teils ähnlichen Slogans: Die besten Hits der 90er, 2000er, das Beste von heute, das Beste von morgen, Bayerns Hitradio, klingt dreimal gut, die beste Musik u.s.w.

Das Wort bzw. die Information steht durch eine solche Markenkommunikation im Hintergrund; man könnte fast meinen, es ist nur ein kleines Zusatzangebot zur gespielten Lieblingsmusik. Radio ist eben ein Nebenbei-Medium, doch inzwischen wird die Tendenz wohl eher zur Geräuschkulisse gehen, die nur dann aktiv wahrgenommen wird, wenn etwas stört oder wenn etwas in einer konkreten Situation für den Hörer wichtig erscheint – z.B. eine Geisterfahrermeldung auf der Autobahn.

Wer hört also heutzutage Radio? Wie kann man sich diesen Hörer vorstellen? Das sind für die Programmmacher elementare Fragen, die immer wieder beantwortet werden müssen. Und doch ist die hauptsächliche Währung zwischen Sender und Werbewirtschaft die Reichweite, die auf dem Erinnerungsvermögen der Hörer basieren?[3] Eine Analyse anhand von soziologischen und kommunikationswissenschaftlichen Instrumenten ist zwar vorhanden, ist aber meines Erachtens noch nicht dahingehend optimiert, dass es für die Werbewirtschaft als Teil der Kampagnenplanung relevant wäre. Denn letztlich ist das doch aus Werberperspektive das Ziel: Ein Publikum(-segment) gezielt bewerben zu können.

Diese Arbeit beschäftigt sich daher auch mit Hörertypologien verschiedener Radiosender auf Basis klassischer soziologischer Theorien. Als Rahmen der wissenschaftlichen Untersuchung solcher Typologien wähle ich den Großraum Augsburg, in dem ich diese analysieren werde. Zum einen werde ich meine theoretische Basis auf das Konzept der Erlebnisrationalität von Gerhard Schulze und die Sinus Milieus legen. Zum anderen werde ich mit dem Uses and Gratification Approach und weiteren Mediennutzungstheorien sowie mit den verschiedenen Radioformaten arbeiten, um daraus einen Fragebogen zur Analyse einer Hörertypologie ableiten zu können. Die Analyse wird als Online-Umfrage gezielt im Großraum Augsburg durchgeführt und die Ergebnisse werden dann vermutlich zu unterschiedlichen Stiltypen führen. Auf dieser Basis werde ich versuchen, Typologien abzuleiten und diese den Radiosendern in Augsburg als Milieukonstrukt innerhalb der Sinus-Milieus zuzuordnen. Dazu unterteile ich die Arbeit in drei Teile: Unter Makro werde ich die grundlegenden soziologischen Instrumente zur Beschreibung und Verortung von Menschen innerhalb einzelner Gruppen in der Gesellschaft vorstellen. Bei Meso versuche ich mithilfe kommunikationswissenschaftlicher Instrumente die Schnittstelle zwischen abstrakter Soziologie und konkreter empirischer Forschung herzustellen als auch näher auf die Formate und Programmprinzipien der Radiosender einzugehen, um letztlich im Mikro-Bereich eine reelle Gegebenheit exemplarisch zu untersuchen.

Am Schluss werden aus den Ergebnissen drei Theorien zur heutigen Kultur im Radio abgeleitet. Sollten die verschiedenen Stationen wirklich allesamt nach einem ähnlichen Mainstream-Konzept arbeiten, ist mit einer starken Überschneidung bzw. Konzentrationen auf bestimmte Stiltypen und Milieus zu rechnen.


[1] Medienalltag.org (2012): Radio muss kein Nebenbei-Medium sein. Zugriff am 13.01.2013, 15:37-15:54.

[2] Vgl. Goldhammer, 1995, S. 191.

[3] Vgl. Hasebrink / Müller, 2012, S.212f.

Benjamin Hartwich

Benjamin Hartwich, M.A. Medien- und Kommunikationswissenschaften. Privat betreut er mehrere Webprojekte, bloggt und podcastet. In seiner Freizeit gestaltet er seinen eigenen Webradiosender. Mit 14 Jahren hat er ein Schulradio in Augsburg aufgebaut. Neben dem Studium arbeitete er 6 Jahre beim Campusradio Campus Crew als Moderator, Technikleiter, Musikchef und Programmchef mit.

Schreibe einen Kommentar

Menü schließen